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- EINSTUFUNG DER GRÖßE -
Größenmäßige Einordnung in die Schützenumzüge
So pauschal, wie das „größte Schützenfest der Welt“ begangen wird, handele es sich auch beim Schützenausmarsch Hannover um den „größten Schützenausmarsch der Welt“. Diese Aussage ist schon insofern unsinnig, als daß „Schützenausmarsch“ den Eigennamen darstellt. Als Gattungsbegriff müßte man „Schützenumzug“ verwenden. Und ob sich der hannoversche dann als „größten Schützenumzug der Welt“ krönen kann, wäre erstmal anhand von Kriterien zu beurteilen. Mit dem zeitlosen Titel sind natürlich nur regelmäßige, ortstreue Ereignisse gemeint. Demnach bleibt das im dreijährigen Turnus stattfindende „Europa-Schützenfest“ außen vor, zu dem erst 2015 über 10.000 Schützen durch Peine (!) gezogen sein sollen. Der katholische „Bund der Historischen Deutschen Schützenbruderschaften“ veranstaltet in Nordrhein-Westfalen Feste und Umzüge mit angeblich bis zu 20.000 beteiligten Schützen, aber eben vagabundierend. Desgleichen verhält es sich mit den Umzügen der „Alpenregionstreffen“, wobei 2018 in einem Tiroler Ort ein neuer Rekord mit 10.500 Teilnehmern aufgestellt wurde. Nun einige langjährige, derzeit wohlgemerkt etwas unterschrittene Kennzahlen aus Hannover: 10.000 - 12.000 Teilnehmer insgesamt, davon 5.000 Schützen, Zuglänge 10 - 12 Kilometer, Durchlaufzeit rund 2 Stunden 40 Minuten. Die Angaben sind recht verläßlich, da die Gruppen in den Bewerbungs­unterlagen ihre Kopfstärke anmelden, und die Zuglänge gut mit Hilfe der Wegstrecke meßbar ist (das heißt, die Schwankungen treten tatsächlich auf). Hiermit braucht nur noch der Rest Deutschlands verglichen zu werden, denn gäbe es anderswo auf der Welt einen auffällig großen Schützenumzug, wäre die Botschaft davon sicherlich irgendwann mal bis Hannover durchgedrungen. In Niedersachsen kommt Lohne am nächsten heran. Knapp 4.000 Teilnehmer, davon mehr als 3.000 Schützen, marschieren in einem sehr reinen Umzug mit halbstündiger Durchlaufzeit durch dieses Provinznest. Mit höherer Durchlaufzeit wäre Hildesheim zu nennen, dessen Umzug allerdings jede Menge themenfremde Bestandteile aufweist. Weitere Konkurrenz steht sonst nur noch im Rheinland zu vermuten. Düsseldorf könnte evtl. den dort zweitgrößten Schützenumzug beherbergen, wobei selbst diese Augenweide mit insgesamt gut 3.000 Teilnehmern schon nach 20 Minuten vorübergezogen ist. Also richtet sich der Fokus nur auf Neuß. Gemäß aktueller Rekordergebnisse zählt die dortige Königsparade als Hauptumzug 7.700 Teilnehmer, darunter 5.200 Schützen. Zu Zuglänge und Durchlaufzeit brauchen erst gar keine Nachforschungen angestellt zu werden. Der Schützenausmarsch Hannover könnte sich folglich schon zurecht als „größten Schützenumzug der Welt“ bezeichnen. Um Mißverständnissen vorzubeugen, sollte er es aber besser nicht tun - denn den Umzug mit den meisten Schützen hat offenbar mittlerweile Neuß!
Größenmäßige Einordnung in die Festumzüge
Zurückhaltender wird in Hannover der viel beeindruckendere Superlativ vom „größten Festumzug Europas“ bemüht. Soweit bekannt, müssen für die Untersuchung hierzu erneut nur deutsche Veranstaltungen abgeklopft werden. Der „Trachten- und Schützenzug“ zum Münchner Oktoberfest zählt in einem 7 km langen Zug 9.000 Teilnehmer (übrigens ohne den Schwerpunkt auf dem Schützenwesen liegen zu haben). Als vermutlich einziger Umzug gibt er seinen Akteuren eine Schrittfrequenz vor, nämlich ehemals 108 Schritte pro Minute wie beim Doubliertritt, jetzt 104 Schritte. Damit peilt man in sichtlich gedrängter Aufstellung eine Durchlaufzeit von 2 Stunden an. Trotz oder wegen der Selbstbeschränkungen wirken Münchens Daten und Möglichkeiten bedrohlich, gerade wenn Hannover von oben entgegenkommen sollte. Erstaunliche Festumzüge bringt auch die Alemannische Fastnacht zustande. Ein „Großes Narrentreffen“ mit bis zu 15.000 Teilnehmern findet alle vier Jahre in wechselnden Städten statt, gilt hier somit nicht. Ausgeklammert werden kann ebenso die Fastnacht im schweizerischen Basel. Ihre inzwischen 18.000 Teilnehmer bewegen sich - zum Glück - in zwei getrennten Ringen mit jederzeitigem Ein- und Ausstieg, weshalb man die Veranstaltung vor Ort ausdrücklich nicht als Umzug verstanden wissen will. Von den regelkonformen Umzügen der Alemannischen Fastnacht geht sonst keiner über die 6.000 Teilnehmer in Villingen hinaus. Blieben noch die Karnevals- bzw. Faschingsumzüge im Wettbewerb. Unter diesen ist die interne Rangordnung bereits bekannt. Der Mainzer Rosenmontagszug hat zuletzt die Marke von 9.500 Mitwirkenden erklommen, hadert nun jedoch mit den ausgereizten Parkkapazitäten für seine Wagen. Größer ist nur der Rosenmontagszug von Köln.
Schützenausmarsch Hannover : Kölner Rosenmontagszug

Hannover Köln
Teilnehmerzahl
bzw. Mitwirkende
10.000 - 12.000 10.000 - 12.000, davon ein beträchtlicher Teil Helfer (vor allem Wagenbegleiter)
Zuglänge 10 - 12 km ca. 7 km
Wegstrecke 3,5 - 4 km 7 - 7,5 km
Zuschaueraufkommen viel geringer viel höher
Durchlaufzeit ca. 2 Stunden 40 Minuten 4 - 5 Stunden

Aus dem Datenvergleich zwischen den beiden größten Festumzügen Europas geht hervor, daß der Schützenausmarsch den Spitzenplatz durchaus für sich reklamieren kann. Das wichtigste Kriterium der Teilnehmerzahl spricht tendentiell für Hannover. Und wörtlich genommen kann man ja auch die ansich eher wirkungslose Zuglänge als Maß für die Größe heranziehen. Der riesige Unterschied in der Durchlaufzeit verwundert übrigens nicht. Karnevalsumzüge sind grundsätzlich viel langsamer als Schützenumzüge. Auch der Braunschweiger Schoduvel zieht länger am Zuschauer vorbei als der Schützenausmarsch (auf ungefähr 2 Stunden 40 Minuten kommt erst ein Karnevalsumzug wie derjenige in Bonn). Um letzte Zweifel zu verscheuchen, müßte Hannover einfach die Teilnehmerzahl noch um ein paar Prozentpunkte erhöhen. Doch jetzt kommt der Witz: Sowohl Hannover als auch Köln versuchen sich zu deckeln! Beide waren sie schon größer, Köln sogar erst vor wenigen Jahren. Der Veranstalter des Rosenmontagszugs bittet die teilnehmenden Gruppen immer wieder darum, sich möglichst klein zu halten. Man fürchtet dort im ausklingenden Winter insbesondere die hereinbrechende Dunkelheit. Beim Schützenausmarsch ist das Starterfeld derzeit auf „130 Gruppen und 50 Fahrzeuge“ begrenzt (wobei „Gruppe“ nach außen hin nicht definiert ist und die Zahl der Fahrzeuge dennoch drüber liegt), alle Gruppen haben „mindestens in Viererreihen“ zu marschieren (was keineswegs immer befolgt wird), und auswärtige Schützenvereine dürfen mit höchstens 25 Leuten laufen (Ausnahmen scheinen möglich). Es stimmt, Hannover und Köln bewegen sich am Limit der Vernunft. Weitere Aufstockungen würden nur logistischen Ärger verursachen, den Erlebniswert aber nicht mehr steigern. Jedes Wettrüsten gewänne sowieso Hannover. Warum das? Entscheidend dabei ist nicht die Frage, ob es mehr Schützenvereine in Norddeutschland oder mehr Karnevals­vereine in West­deutschland gibt. Im Gegensatz zu den Schützenumzügen spielen sich die Karnevals­umzüge alle mehr oder weniger gleichzeitig ab, so daß Köln aus dem weiten Umkreis kaum Unterstützung zu erwarten hätte. Deshalb erreicht der berühmte Rosenmontagszug schon seine jetzige Größenordnung Jahr für Jahr nur dank eingeflogener Musikzüge - auch aus Niedersachsen.
Dem Sieg bei der europaweiten Betrachtung folgt unweigerlich die Suche nach dem global größten Festumzug. Mit welchem Aufwand die Durchforstung der Welt verbunden wäre, zeigt allein der Bekanntheitsgrad des Schützenausmarschs im eigenen Land ... Man könnte aber wenigstens solange suchen, bis man einen Umzug gefunden hat, dem sich Hannover geschlagen geben kann. Bei der kaum halb so teilnehmerstarken New Yorker Steubenparade trifft dies noch nicht zu, und auch die in der gleichen Stadt beheimatete „Thanksgiving Day Parade“ liegt leicht drunter. Mit dem Karneval von Rio de Janeiro (Brasilien) hat sich die Sache dann jedoch kurzerhand erledigt.



- SPANNUNGSFELDER -

Schützenumzug oder allgemeiner Stadtumzug?
Man kann dem Schützenausmarsch beileibe nicht vorwerfen, daß er nicht bemüht wäre, mit der Zeit zu gehen. Wohl kein anderer Schützenumzug gebärdet sich dermaßen locker-flockig. Nur besteht nach diesem Stil offenkundig keine Nachfrage. Gerade wenn er versucht, der mutmaßlichen Moderne nachzuhecheln, konkurriert er doch umso mehr mit den vielen neuen Unterhaltungsmöglichkeiten. Beobachtet man die Gesellschaft, dann läßt sich eher feststellen, daß aus der Zeit Gefallenes große Faszination erzeugt. Überall stürzen sich die Leute auf die Geschichte. Besonders gern möchten sie Vergangenheit als Zeitreise selbst erleben, daher der Erfolg von Mittelaltermärkten, Ritterspielen, Reenactment, Steampunk, usw. Ein authentischer Schützenausmarsch wie vor hundert Jahren würde demnach sehr wahrscheinlich starke Anziehungskraft ausüben. Dazu müßten die Schützen­blöcke zwar auch ein jüngeres Durchschnittsalter aufweisen, aber das ergäbe sich bei der Attraktivität dann von selbst. Womit hier keiner Historiendarstellung das Wort geredet werden soll, sondern schlicht der Rückkehr zur artgemäßen Umzugsgestaltung. Was sollen denn z.B. auswärtige Besucher mit der Präsentation hannoverscher Einrichtungen (Berufsverbände, Sportvereine, usw.) anfangen? Wirkt ein Schützenblock seriös, der durch eine Marchingband mit den Klängen von „Er hat ein knallrotes Gummiboot“ begleitet wird? Müssen wie beim Fasching Bollchen herumgeworfen werden? Gehören Schützen und Transvestiten irgendwie zueinander? Werden Schützenumzüge schon immer mit Regenbogenfähnchen umrahmt? Früher bildeten Stadt, Volk und Zug eine herrliche, harmonische Einheit. Heute paßt nichts zusammen. Bereits das Teilnehmerfeld enthält wahnwitzige Stilbrüche, die Strecke ist leblos und ungeschmückt, beim Publikum handelt es sich sichtlich nur um die Minderheit, die das Ereignis nicht boykottiert. Ohne Wissen um den geschichtlichen Hintergrund würde man den jetzigen Zustand als Unkultur beschreiben. Mit diesem schlecht profilierten Kurs ist der Schützenausmarsch unnötig in Richtung eines obligatorischen „Stadtumzugs“ vom Schlage etwa des Bremer Freimarktumzugs oder des Lüneburger Sülfmeisterumzugs bewegt worden, welche auf jenem Gebiet allerdings höhere Qualität bieten. Auch sind mittlerweile die Fahnen, Plakate und Kennzeichen des Schützenfests fast ganz in der Stadtfarbe Rot gehalten, nicht mehr im schützenmäßigen Grün. In Deutschlands Schützen­szene hat die Veranstaltung entgegen dem nominellen Rang nur wenig Ansehen. Dabei könnte und müßte Hannover mit dem Schützenausmarsch ein absolutes Spitzenprodukt liefern und besitzen. Spitzenprodukte erzielen ihren Charakter durch Fokussierung auf die aus nur wenigen Faktoren bestehenden Kern­kompetenzen. Wenn man beispielsweise einem Thriller einige Momente von Fantasy, Liebesfilm und Komödie beimischt, wird der Film dadurch nicht besser, sondern ungenießbar. Der Schützenausmarsch ist zu schade, um ihn abzuwandeln.

Vergleich mit Neuß
Neuß, eine 150.000-Einwohner-Stadt direkt neben Düsseldorf, ist Schauplatz des zweiten großen jährlichen Schützenumzugs in Deutschland. Damit hören die Gemeinsamkeiten allerdings schon auf. Während für Hannovers Schützenszene der Todeskampf läuft, vermeldet das Neußer Gegenstück sogar noch neue Rekorde. Schütze zu sein gilt dort als „cool“. Nachdrängende Jugendliche begründen eigene Korps und stehen auf der Warteliste (!) für die baldige Mitwirkung am Umzug. Unter Ausschluß jeglicher weiblicher und auswärtiger Schützen marschieren in Neuß trotzdem 5.200 Mann! Da kommt dann auch ein Effekt zum Tragen, von dem man beim überalterten und verlotterten Schützenausmarsch Hannover nichts mehr ahnt: Daß Männer in Uniform auf viele Frauen regelrecht sexy wirken. Anders als bei uns hat in Neuß der zentrale „Bürgerschützenverein“ das Heft in der Hand. Er selbst richtet das Fest und die Umzüge aus, und käme nicht im Traum auf den Gedanken, etwa eine Dragqueen mitlaufen zu lassen. Im Folgenden wird einmal versucht, die beiden Umzüge auf einer Skala miteinander ins Verhältnis zu setzen:

strenger Stil
(Neuß)
nur männliche Teilnehmer; Gleichschritt (bisweilen Stech­schritt); strikt eingehaltene Formationen; Waffenattrappen
lockerer Stil auch weibliche Teilnehmer; kein unbedingter Gleichschritt; nur grobe Formationen; keine Waffenattrappen
Übertretungsstufe 1 Schützen teils ohne Kopfbedeckungen; Kinder- und Bollerwagen; Marchingbands mit quertreibender Musik; anderweitige immerhin festliche Nummern
Übertretungsstufe 2 zivil gekleidete Zugteilnehmer; Traktoren und Wagen; unfestliche Nummern mit Orts- aber ohne Themenbezug
Übertretungsstufe 3 (Hannover) Dragqueen, Homo-Werbung, Behindertenvorführung, Völkerschauen, Football-Spieler, Mittelalter-Darsteller, Männer in Bienenkostümen, usw.
Nicht daß Neuß als fertiges Vorbild gepriesen werden soll. Soweit es sich zurückverfolgen läßt, war der Schützenausmarsch nie so ernst. Der Grundentwurf ist ganz anders. Aber man muß sich zwingend mit den Unterschieden auseinander­setzen und Schlüsse daraus zu ziehen. Zugegebenermaßen hält sich der überregionale Bekanntheitsgrad des Neußer Schützenfests ebenfalls in Grenzen. Dies ist jedoch mit der grundsätzlichen Unscheinbarkeit der Stadt sowie mit dem Umstand erklärbar, daß die Region für den Karneval steht. Fände der Neußer Umzug mit seiner unverfälschten Reinheit in Hannover statt, wären erstens die markanten Bilder deutschlandweit geläufig, fielen sie zweitens den Menschen sofort zum Stichwort Hannover ein, hätte drittens die Veranstaltung ein Prestige ähnlich wie der Kölner Karneval oder das Münchner Oktoberfest, könnte man viertens Besucher von überall her begrüßen, und würde fünftens das hannoversche Schützenwesen weiterhin blühen.

Ideologischer Mißbrauch
Aufmerksame Zuschauer fragen sich schon lange, woher bloß die merk­würdige Vorliebe der mexikanischen Folkloregruppe für den Schützen­ausmarsch rührt. Ihre Darbietung mit mühsam verstöpselten Gitarren und Geigen sowie Tanz paßt doch furchtbar schlecht zur Zugbewegung. Spätestens seit dem Hochfahren der auf Belehrung und Umerziehung bedachten Schützenfest-Netzseite kann sich jeder einen Reim darauf machen. Aus ideologischen Gründen preßt die Stadtbehörde Ausländer- und andere „vielfältige“ Gruppen in den Schützenausmarsch hinein. Für den Veranstalter sind das die wichtigsten Nummern überhaupt. Bestimmt werden sie heiß umworben und evtl. auch bezahlt. Anforderungen an die Performance schraubt man in diesen Fällen gern auf Null herunter (s. hier)! Damit gestaltet sich der Schützenausmarsch als kleines Abbild des allgemeinen Geschehens. Sämtliche Strukturen sollen zerstört werden. Man versucht uns weiszumachen, daß alles anders wäre als wir immer dachten, um uns zu verunsichern und uns führen zu können. So wie Deutschland lediglich eine Fläche auf der Landkarte sei, die von Jedermann zum Erwerb von Gütern und zur Wahrnehmung von Rechten genutzt werden könne, sei der Schützenausmarsch keineswegs von zig Generationen der heimischen Bevölkerung aufgebaut und durchgeführt worden, sondern als Werk einer undefinierbaren Menschengruppe zufällig über Hannover vom Himmel gefallen. Das Volksfest wird von dem Stadium, in dem das Volk unbeschwert und ausgelassen feiert, zurückgestuft zu einer Vorfeldveranstaltung, bei der das Volk eingebleut bekommen soll, daß es irgendwann mal unbeschwert und ausgelassen feiern könnte, wenn es die Lehren der Obrigkeit verinnerlicht hätte. Mit Hilfe einiger ganz gezielt eingesetzter Nummern dreht man den gesamten Schützen­ausmarsch auf verwaschen und spaßig. Es soll unter allen Umständen verhindert werden, daß das Volk durch einen berauschenden Festumzug an Stolz und Selbstbewußtsein gewinnt. Mit Erfolg, das Ergebnis sehen wir am Streckenrand, am Zustand der hannoverschen Schützenvereine und an der mittlerweile gut verdrängten Geltung des Schützenwesens in der Stadt. Daß der Veranstalter, da er die unwilligen ausländischen Mitbürger nur über diese gruppenweise Anlockung rankriegt, eine unsägliche Gesellschaftsform vorstellt, in welcher ethnisch sortiert unterschiedliche Aufgaben verrichtet werden, geht dabei schon fast unter.




- KONKURRENZVERHÄLTNIS ZU FASCHING/KARNEVAL -

Eigentlich gehen sie sich zeitlich und charakterlich aus dem Wege, ergänzen sich vielmehr einander. Dennoch besteht zwischen Schützenfest und Fasching mitsamt der jeweiligen Umzüge ein ungeschriebenes Konkurrenzverhältnis. Daß der hannoversche Faschingsumzug auch nach 25 Jahren bei weitem nicht vorzeigbar ist, und die Festivität in dieser Stadt immer ein offen­sichtlicher Fremdkörper sein wird, hat darauf keine Auswirkungen. Auch über Hannover schwebt die allgemeine, übergeordnete Präsenz des Faschings als Straßen­brauchtum Nr. 1. Man geht als Kind verkleidet zur Schule und schaut sich als Erwachsener die Sendungen vom rheinischen Karneval an, hat den heimischen Schützenausmarsch derweil aber nicht auf dem Schirm. Das Urteil, welche Veranstaltung als angesagt gilt und welche nicht, wird unter medialer Anleitung nach dem Prinzip der Schweigespirale gefällt. So kommen die jüngeren Altersklassen zuhauf am Rande des Braunschweiger Schoduvels zum Feiern zusammen, beim jahreszeitlich sogar deutlich bevorteilten Schützenausmarsch indessen kaum. Zwar hätte der Schützenausmarsch zusätzlich den Jahrmarkt des Schützenfests als Stütze, vermutlich leidet dieser aber darunter, daß Frühlings- und Oktoberfest hier ähnlich erscheinen und sie zusammen eine nahezu unter­schieds­lose Reihe von Rummeln bilden. Gäbe es all diese mehr oder weniger greifbaren anderweitigen Brauchtümer nicht, sähe man möglicherweise einen entschieden größeren Anlaß, sich dem Schützenfest und -ausmarsch als zentraler Veranstaltungen des Stadtlebens zu widmen. Machtverhältnisse können sich allerdings auch ändern. Folgende Gegenüberstellung sollte schon einmal zum Nachdenken anregen:

Schützenumzug Faschingsumzug
Hintergrund Wettkampf, Ehrung von Leistungen, Wehrhaftigkeit, Selbstverteidigung, ortsbezogen, zeitlos jubelnd Lebensmittel verprassen vor einer Fastenzeit, die es seit Jahrhunderten nicht mehr gibt (im evangelischen Hannover sowieso nicht)
Erscheinungs­bild Schützenblöcke und Musikzüge in ihren Uniformen, Standarten, Pferde und Kutschen/Wagen
- das ist vollendete Ästhetik
optische Ästhetik weder im Einzelnen noch in Gesamtheit erkennbar (Ausnahme: Garde­mädchen!); Ziel ist im Gegenteil Skurrilität
Ausdruck Zufriedenheit mit sich selbst in vertrauter Umgebung, maßvolles Leben, Bodenständigkeit Flucht aus dem Alltag, Ablegen der eigenen Persönlichkeit, Übermut, Übermaß, Überfluß, Völlerei, Blödsinn
Natürlichkeit Marschieren in Formation und einheitlicher Kleidung, begleitet von Musik, ist dem Menschen ein naheliegendes Verhaltens­muster zu feierlichen Anlässen Großplastiken und Tanzakrobatik widerstreben der Zugbewegung, Live- und Boxenmusik geraten durcheinander, uniformierte Gruppen stehen exzentrischer Individualität im Publikum gegenüber, Eßwaren liegen auf dem dreckigen Boden, usw.
Ursache und Wirkung man veranstaltet zu einem festgelegten Termin einen Umzug und wird dadurch fröhlich man will zu einem festgelegten Termin fröhlich sein und veranstaltet deswegen unter anderem einen Umzug
Politik grundsätzlich unpolitisch und daher als Fest für die ganze Gesellschaft geeignet per Motivwagen (sowie Bütten­reden) ausgiebig zu Propaganda, versuchter Gleichschaltung und Volksverhetzung benutzt
Abschließend noch ein vielsagender Vergleich zwischen der Hundemeute in Hannover und der Hundestaffel in Mainz, nicht als Schmähung gedacht: